Landesinfos
Zur Kulturgeschichte
Die ältesten kulturellen Spuren in Estland stammen aus der Steinzeit. Über die damals existierenden Kulturen ist heute sehr wenig bekannt. Einige Mythen, die sich auf die Zelt vor der Christianisierung zurückdatieren lassen, geben jedoch einigen Aufschluss über das Weltbild dieser Epoche. So ist beispielsweise der Mythos der Erschaffung der Welt aus dem Ei eines Vogels erhalten. Auch der Mythos der Erschaffung der Milchstraße aus einem großen Baum hat vermutlich eine lange Geschichte. In der uns im Detail unbekannten frühen Religion hatte der Totenkult herausragende Bedeutung; es gab schamanistische und totemistische Elemente. In diesem Zusammenhang waren die Begräbnisrituale von besonderer Bedeutung. Überall in Estland gibt es Opferquellen und unzählige Opfersteine, in denen eine von Stein zu Stein stark variierende Zahl von kleinen Löchern zu finden ist.
Mit der Christianisierung im 13.lahrhundert glich sich die estnische Kultur der westeuropäischen an. Bedeutende Einflüsse kamen dabei zunächst aus dem skandinavischen Raum, wichtiger war jedoch der Einfluss der Deutschen. Es gelang allerdings weder dem Kirchenstaat noch den von den Klöstern aus missionierenden Mönchen, die Spuren der überlieferten Mythen ganz auszulöschen. Auch das estnische Volksepos Kalevipoeg ("Der Sohn des Kalev"), das erst Mitte des 19. Jahrhunderts in schriftlicher Form erfasst wurde, ist noch voll von alten Überlieferungen, die als Legenden jahrhundertelang mündlich weitergegeben wurden.
Ein wichtiger Bestandteil der estnischen Volkskultur war der Gesang; die ältesten Lieder haben mythische Themen zum Inhalt. Aus der Periode der Leibeigenschaft sind dagegen viele Lieder mit satirischem Inhalt erhalten. Die durch die Volkstradition überlieferten Sagen beziehen sich meist auf reale Orte; kaum ein größerer Stein, Baum, See oder Hügel hat keine dazugehörige Sage.
Der hohe Stellenwert überlieferten Kulturguts lässt sich aus der sozialen Situation der Leibeigenschaft heraus erklären. In der Abhängigkeit von der herrschenden deutschen Schicht versuchten die Esten sich ihre Traditionen zu bewahren, und da durch die Leibeigenschaft auch die Bewegungsfreiheit eingeschränkt war, entwickelte sich ein regional unterschiedliches bäuerliches Brauchtum. Eine wichtige Rolle kam dabei den Kirchspielen (estn.: kihelkond) zu. Die im Zentrum der verschiedenen Höfe gelegene Kirche war das kulturelle Zentrum, und jedes estnische Kirchspiel hat noch heute eine eigene bäuerliche Tracht.
Im Gegensatz zum Land waren die Städte, vor allem die Hansestädte Tallinn, Tartu, Viljandi und Pärnu, stark von der deutschen Kultur geprägt. Ab Mitte des 19.lahrhunderts bekamen deutsche Einflüsse auch in der Volkskultur mehr Bedeutung. 1869 fand in Tartu das erste große Sängerfest statt, das seitdem regelmäßig (etwa alle fünf Jahre) abgehalten wird.
Zu Kunst und Literatur
Die frühesten Zeugnisse estnischer Kunst sind Tierfiguren und Schmuckstücke aus der Zeit vor der Christianisierung. Von besonderem Interesse sind die im 13. Jahrhundert entstandenen Grabsteine, die mit dem noch heidnischen Symbol des Rings und einem Kreuz versehen sind. Aus der gotischen Zeit sind vereinzelt Holzaltäre und Fresken erhalten, die, wie auch die repräsentativen Bauten, von ausländischen Künstlern gestaltet wurden. Aus dieser Zeit stammen die Altäre und Gemälde des Lübecker Künstlers Bernt Notke. Sein Gemälde "Totentanz", in der Niguliste Kirik (dt: Nikolaikirche) in Tallinn ist kunsthistorisch von internationaler Bedeutung.
Im Barock entstanden vor allem auf Saaremaa und in Tallinn viele sehenswerte Holzkanzeln; die bedeutendsten Künstler dieser Periode waren Arent Passer, Elert Tiele und Christian Ackermann. Wie in der Architektur, hatten auch in der Kunst die Nordkriege verheerende Folgen. 1803 wurde die erste Kunstschule Estlands in Tartu gegründet. Der Leiter dieser Schule war der aus Deutschland berufene Graphiker und Maler Karl Senff. Bedeutende estnische Künstler studierten in St. Petersburg, zum Teil wurde ihnen diese Stadt zur neuen Heimat. Hier ist vor allem der wichtigste Vertreter der Romantik in Estland, Timoleon von Neff, zu nennen.
Eduard von Gebhardt, der später an die Düsseldorfer Kunstakademie berufen wurde, schuf das berühmte Altarbild im Tallinner Dom. Die ersten estnischen Künstler, die aus dem Bauernstand kamen, waren der Maler Johann Köler und der Bildhauer Amandus Adamson. Beide studierten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in St. Petersburg; Köler fühlte sich der Spätromantik verpflichtet.
Über ganz Estland verteilt sind viele Arbeiten von Amandus Adamson zu sehen, der während der Zeit des nationalen Erwachens viele Denkmale zu Ehren von Künstlern und Schriftstellern schuf, die Bedeutendes zur Entwicklung einer estnischen Nationalkultur beigetragen haben. Dem in München ausgebildeten Bildhauer August Weizenberg (1837-1921) war der berühmte dänische Bildhauer Thorvaldsen ein Vorbild. Eines seiner bekanntesten Werke ist die Skulptur der Linda, der Mutter des Helden des estnischen Nationalepos "Kalevipoeg", auf dem Domberg in Tallinn. Einige der bedeutenden estnischen Künstler der Zeit erhielten ihre Ausbildung in Deutschland; in Düsseldorf studierten Kristjan Raud und Ants Lainmaa. Während der russischen Revolution von 1905 gingen einige der bedeutendsten estnischen Künstler nach St. Petersburg, um an den gegen das Zarenreich gerichteten Kundgebungen mitzuwirken. 1906 fand die erste Ausstellung estnischer Kunst in Tartu statt. Mit Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts fand die europäische Moderne in Nikolai Triik, Konrad Mägi und Jaan Koort ihre estnischen Vertreter. Triik und Mägi waren ab 1919 auch Lehrer der in Tartu gegründeten Kunstschule "Pallas".
Ab den 20er Jahren orientierte sich die estnische Kunst immer weiter an der europäischen Moderne. Kubismus, Bauhaus, Neue Sachlichkeit, Expressionismus und Art Deco sind die wesentlichsten Strömungen, die Einfluss auf die estnische Kunst hatten. Der wohl bekannteste estnische Künstler ist der Graphiker Eduard Wiiralt, der in Tartu die Kunstschule "Pallas" besuchte und später in Dresden seine Studien fortsetzte.
Die sowjetische Okkupation und der zweite Weltkrieg unterbrachen die Entwicklung der an Westeuropa orientierten estnischen Kunst: Viele estnische Künstler, unter ihnen auch Eduard Wiiralt, emigrierten. Ab 1949 unterlag das estnische Kunstschaffen der Doktrin der Russifizierung und des sozialistischen Realismus. Die letzten der im Lande gebliebenen Künstler der Avantgarde wurden aus dem Künstlerbund ausgeschlossen, einige von ihnen waren staatlichen Repressionen ausgesetzt. Diese Situation änderte sich erst wieder unter Chruschtschow; in den 60er Jahren entwickelte sich eine von russischen Strömungen unabhängige Kunst und es gab erneut Reaktionen auf internationale Entwicklungen.
Mit Beginn der 70er Jahre kam es wieder zu stärkeren Restriktionen durch die Zensurbehörden. Die Lehre stand unter der Kontrolle der Moskauer Akademie der Künste. Die Situation auf dem Kunstsektor war aber weniger heikel als in der propagandistisch wichtigeren Literatur, und die Zensur ließ im Laufe der folgenden Jahre immer weiter nach.
Seit der Unabhängigkeit hat sich die estnische Kunstlandschaft wesentlich verändert: Kunst ist nicht mehr in erster Linie ein Medium, um versteckte politische Botschaften zu vermitteln, vielmehr orientiert sich die Kunstszene Estlands wieder zunehmend am internationalen Geschehen.
Der erste in estnischer Sprache publizierte Text erschien 1525; es war der lutherische Katechismus. 1739 erschien eine erste estnische Bibelübersetzung. Estnischsprachige weltliche Literatur entstand in größerem Umfang erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Hier ist besonders die patriotische und philosophische Lyrik des 1822 jung gestorbenen Kristjan Jaak Peterson zu nennen.
In den Jahren 1857-1861 fasste der Arzt Friedrich Reinhold Kreutzwald den bis dahin nur in mündlichen Traditionen überlieferten Stoff des estnischen Volksepos "Kalevipoeg" in schriftliche Form. Kreutzwald stützte sich dabei auf Sagen, Märchen und Volkslieder. In fast 20.000 Versen werden in diesem Epos die Kämpfe und Abenteuer des mythischen estnischen Herrschers Kalevipoeg beschrieben. Das Epos schließt mit der Invasion fremder Mächte und dem Tod von Kalevipoeg.
Johann Voldemar Jannsen gilt als der Begründer der estnischen Journalistik. Er organisierte 1869 das erste estnische Sängerfest in Tartu. Jannsen wurde in erster Linie als Vater der ersten bedeutenden estnischen Dichterin, Lydia Koidula (1843-1886) bekannt. Während der Zeit des nationalen Erwachens verfasste Lydia Koidula unzählige Naturgedichte und patriotische Lieder.
Viele ihrer Werke gingen in die estnische Volksliedtradition ein. Die Dorfkomödien von Lydia Koidula bereiteten den Boden für eine eigenständige estnische Theaterlandschaft.
Mitte der 80er Jahre des 19. Jahrhunderts begann die Zeit der Russifizierung, und die estnische Nationalkultur hatte eine schwere Krise durchzustehen. In der Lehre wurde die estnische Sprache durch die russische ersetzt; estnische Zeitschriften und die Literatur unterlagen der Zensur. Mit dem naturalistischen Roman "Külmale maale (An das kalte Land)" von Eduard Vilde entstand 1896 der erste bedeutende estnische Roman. Vilde gehörte auch zu den bedeutenden Dramatikern seiner Zeit. Daneben waren die Stücke von August Kitzberg wichtig für die Entwicklung der estnischen Dramatik.
Bis heute sehr populär ist die Romanserie von Oskar Luts über eine Kirchspielschule, deren erster Teil "Frühling" 1912 erschien. Zu den Vertretern der modernen Lyrik des 2O. Jahrhunderts zählt vor allem Juhan Liiv (1864-1913).
Während der russischen Revolution von 1905 formierte sich in Tartu und Kuressaare die Künstlergruppe "Noor Eesti" (Das junge Estland). Der Name, der eine bewusste Anspielung auf "Das junge Deutschland" war, war eine Provokation: Von konservativen Deutschen wurde "Noor Eesti" im vorigen Jahrhundert als Schimpfwort für radikale, nationalgesinnte estnische Kreise gebraucht. Aus der Bewegung gingen drei bedeutende estnische Schriftsteller hervor, der Lyriker Gustav Suits (1883-1956) und die Prosaisten Friedebert Tuglas (1886-1971) und Anton Hansen Tammsaare (1878-1940), der allerdings nicht zum engeren Kreis gehörte. Durch die Künstlergruppe gelangten Einflüsse aus Frankreich und Skandinavien in die estnische Literatur, gleichzeitig fand eine Abkehr von deutschen Traditionen statt. Von herausragender Bedeutung ist Tammsaares Romanzyklus "Tõde ja Õigus (Gerechtigkeit und Wahrheit)". Das zwischen 1926 und 1933 entstandene Werk gibt Einsichten in die Entwicklung des estnischen Volks seit der Zeit des nationalen Erwachens.
Außerhalb der Gruppe "Noor Eesti" waren in den ersten Jahrzehnten unseres Jahrhunderts vor allem der ins Mystische tendierende Lyriker Enst Enno (1875-1934) und der populäre Prosaist Oskar Luts von Bedeutung. Im Jahr der russischen Revolution von 1917 entstand die Künstlergruppe "Siuru", deren zentrale Persönlichkeiten Friedebert Tuglas und die Dichterin Marie Under waren. Die Künstlergruppe löste wegen der Offenheit der in ihren Texten thematisierten Erotik Skandale aus. Ein weiteres populäres Mitglied dieser Gruppe war der Lyriker Henrik Visnapuu. In der Literatur der zwanziger Jahre waren starke Einflüsse des deutschen Expressionismus in der estnischen Literatur vorhanden. Außerdem gewann die Thematisierung sozialer Fragen an Bedeutung.
In der sehr unübersichtlichen Literaturlandschaft der Zeit der ersten estnischen Republik formierte sich Ende der 30er Jahre in Tartu die Künstlergruppe "Arbujad" (Die Schamanen), die literaturgeschichtlich schwer einzuordnen ist. Man hat zeitweise versucht, die Gemeinsamkeiten dieser Dichter mit dem Begriff "Neoklassizismus" zu beschreiben. Das prominenteste Mitglied dieser Gruppe war die Dichterin Betti Alver (1906-1989), deren philosophisch-ethische Lyrik vor allem in der Zeit der Okkupation sehr populär war. 1944 verließ die Mehrheit der renommierten estnischen Schriftsteller das Land, bevorzugtes Exil war Schweden. Wer blieb, musste mit der Verbannung nach Sibirien rechnen, wo einige namhafte Literaten wie Heiti Talvik und Hugo Raudsepp starben. Bis in die 60er Jahre hinein entwickelte sich die estnische Literatur nur im Exil, wo auch literarische Zeitschriften und Buchserien herausgegeben wurden.
Mit der sowjetischen Okkupation nach dem zweiten Weltkrieg begann innerhalb Estlands eine Zeit strenger Zensur, es war nur möglich, Texte zu veröffentlichen, die das System verherrlichten.
Im Exil schrieb Karl Ristikivi (1912-1977) geschichtsphilosophische Romane, von denen besonders der Roman "Hingede öö" (Nacht der Seelen) erwähnt werden sollte. Auch wichtige Werke, die dem "nouveau roman" zuzurechnen sind, stammen von im Ausland lebenden estnischen Schriftstellern.
Große Popularität haben die in mehrere Sprachen übersetzten Romane von Arved Viirlaid gewonnen. In seinen Texten nahm er auf die politisch-aktuellen Ereignisse des Guerillakriegs in den Wäldern Südestlands Bezug.
In Estland normalisierte sich das literarische Leben erst wieder gegen Ende der 60er Jahre. Wegbereiter der neuen estnischen Literatur war dabei vor allem die Lyrik, die, vertreten durch Jaan Kross, Ain Kaalep und Ellen Niit, an die Tradition der 30er Jahre anknüpfte. Auch Artur Alliksaar (1923- 1966) hatte mit seinen surrealistischen Texten großen Einfluss auf die neuere estnische Lyrik. Seit dem Ende der 60er Jahre entwickelt sich die estnische Literatur explosionsartig. Der im deutschsprachigen Raum bekannteste Schriftsteller ist wahrscheinlich Jaan Kross († 2007), dessen historische Romane internationale Aufmerksamkeit auf sich zogen. Vor allem in der DDR wurden über die Jahre hinweg eine ganze Reihe estnischer klassischer und moderner Autoren ins Deutsche übersetzt. Bedeutende Autoren moderner Prosa sind Mihkel Mutt, Viivi Luik, Arvo Valton und Kaur Kender, in der Lyrik sind Karl Martin Sinijärv, Indrek Hirv und Paul Eerik Rummo zu nennen.